Persönlichkeit

Bist du zu nett?

Eines meiner ersten Sachbücher war „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ von Ute Ehrhardt. Das Buch erschien im Jahr 2000, und ich stelle fest, von böse bin ich weit entfernt. Überall hingekommen bin ich jedoch bisher, in meiner eigenen Interpretation. Gut sein, das ist schon in Ordnung und schon gar nicht muss ich böse werden, um überall hin zu kommen. Das geht auch mit Freundlichkeit und Höflichkeit. Doch ist stetes Gutsein auf Dauer auch gut? Ich sage: definitiv nein! Jedem Menschen gegenüber freundlich aufzutreten, Ärger immer wieder runterzuschlucken, jeglichen Frust zur Seite zu schieben, um erst viel zu spät regelrecht zu explodieren, das ist definitiv nicht gut. 

Achtung, Nettigkeitsfalle!

Überleg‘ mal, inwieweit erkennst du dich nachfolgend wieder:

  • Konflikten gehst du lieber aus dem Weg?
  • Du wirst häufig um Hilfe gebeten?
  • Was die anderen von dir denken, ist dir sehr wichtig?
  • Deine Meinung und Interessen anderen gegenüber zu vertreten, fällt dir schwer?
  • Du bist immer zur Stelle, wenn andere dich um etwas bitten?
  • Andere Menschen sollen dich akzeptieren und mögen?

Wenn du dies überwiegend mit Ja beantwortet hast, ist die Gefahr groß, dass deine Bedürfnisse öfters auf der Strecke bleiben, weil du in die Nettigkeitsfalle getappt bist. Das kommt natürlich nicht von heute auf morgen. Schon sehr früh in deinem Leben hast du gelernt, dass es gut und sicher für dich ist, wenn du nett und angepasst bist. Ärger, Enttäuschung und Bestrafung galt es zu vermeiden. Also hieß es: bloß keinen Konflikt! Je mehr du dieses Verhaltensmuster jedoch angewendet hast, umso mehr hat sich dein Nettsein in deinem Handeln manifestiert. Und damit hast du immer mehr aus dem Blick verloren, was du willst und was gut ist für dich. In deiner Vergangenheit war es sicherlich die passende Strategie, um Schlimmeres zu vermeiden. Heute, im Hier und Jetzt, brauchst du diese Strategie nicht mehr. 

Raus aus dem Nettsein-Automatismus

Im Hier und Jetzt gibt es immer mal wieder Situationen, in denen du es dir erlauben darfst, weniger nett zu reagieren. Und das bedeutet, auch einmal die Bedürfnisse anderer ganz bewusst nicht zu erfüllen, indem du deine Bedürfnisse in den Vordergrund stellst und entsprechend kommunizierst. Das wird anderen unter Umständen nicht gefallen, doch es macht deinen Wert nicht geringer. Im Gegenteil: weißt du es selbst nicht wesentlich mehr zu schätzen, wenn sich jemand nach zwei vorangegangenen Absagen mit dir verabredet? Beobachte dich mal, lerne den Automatismus hinter deiner Nettigkeit kennen, und dann traue dich in kleinen Schritten, anders als gewohnt zu reagieren. Probier‘ also gern aus, (freundlich) Nein zu sagen, wenn eine Situation es erfordert. Nein zu einer Aufgabe. Nein zu einer Verabredung. Nein zu einem Jobangebot. Und bedenke stets, ein „Vielleicht“ zählt nicht, wenn du ganz klar „Nein“ meinst. Lass dein Umfeld auch mal wissen, wenn dich eine bestimmte Aussage oder Handlung geärgert hat. Mach‘ dich nicht zum Opfer der Situation, sondern komm‘ ins Handeln und sprich über das, was dich beschäftigt. Alles andere kann in endlose Gedankenschleifen führen, die dich auch nicht weiterbringen. 

Achte also auf dich und deine Bedürfnisse, dann ist es auch in Ordnung, hin und wieder nicht nett zu sein. Gut genug bleibst du. Und die Menschen, die dich vorher schon gemocht haben, werden dich immer noch mögen. 

Photo by Tim Mossholder on Unsplash

6 Gedanken zu „Bist du zu nett?“

  1. Schön geschrieben, danke. Ich kann eine Menge mit Nettsein erreichen und ich bin auch gern nett zu anderen, aber man muss echt aufpassen, dass man nicht vor lauter Nettsein ne Fuhre voll Arbeit auf den Hof gekippt bekommt.

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  2. Die letzte Frage könnte ich mit ja und nein beantworten.
    Natürlich sollen mich Menschen akzeptieren.
    Deshalb müssen sie mich noch lange nicht mögen.
    Ich finde da ist schon ein großer Unterschied. 🤔

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      1. Ist es nicht so, dass wir nur unsere Mitmenschen ernst nehmen können, wenn wir sie so akzeptieren, wie sie sind. Alles andere führt doch dazu, dass es auf Dauer zu Missverständnissen kommt, wenn man öfter miteinander zu tun hat. Wer mich nicht akzeptiert, wie ich bin, wird auf Dauer nicht mit mir auskommen. Er oder sie müssen nicht mit mir übereinstimmen, denn jeder hat ja eine eigene Meinung und die sollte man auch vertreten. Aber trotzdem sollte man sich gegenseitig akzeptieren und respektieren.

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      2. Danke dir, Letzteres wünsche ich mir auch. Ich schaue jedoch immer weniger auf die anderen, stattdessen mehr auf mich selbst. Meine eigene Haltung bestimmt mein Leben und meine Beziehungen. Ich halte es mit Selbstakzeptanz, denn wie kann ich von anderen “erwarten”, dass sie mich akzeptieren, wenn ich das selbst mir gegenüber nicht tue?

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